Kennzahlen·Glossar

Was ist der Erwartungswert? Formel, Beispiel, echte Daten

Der Erwartungswert ist der durchschnittliche Gewinn oder Verlust eines Trades: (Trefferquote × Ø Gewinn) − (Verlustquote × Ø Verlust). Formel, Rechenbeispiel und öffentliche Konten.

Der Erwartungswert ist das durchschnittliche Ergebnis eines einzelnen Trades, in Währung oder in Pips: das, was das Konto im Schnitt bei jeder eröffneten Position verdient. Er setzt sich aus vier Zahlen zusammen (Trefferquote, durchschnittlicher Gewinn, Verlustquote, durchschnittlicher Verlust) und beantwortet die Frage „Verdient dieses System pro Trade Geld?“ in einer Einheit, die du mit der Anzahl der Trades multiplizieren kannst. Ein positiver Erwartungswert, oft genug wiederholt, ist ein Geschäftsmodell. Ein negativer ist ein Countdown.

So funktioniert es

Erwartungswert = (Trefferquote × Ø Gewinn) − (Verlustquote × Ø Verlust)

Verlustquote = 1 − Trefferquote

Ein System gewinnt in 40 % der Fälle, verdient 300 $ pro Gewinner und verliert 100 $ pro Verlierer: (0,40 × 300 $) − (0,60 × 100 $) = 120 $ − 60 $ = +60 $ pro Trade. Bei 400 Trades im Jahr sind das 24.000 $ erwartetes Ergebnis, bevor sich die Positionsgröße ändert und bevor irgendetwas schiefgeht.

Dieselbe Formel lässt sich in R-Vielfachen schreiben, wobei R ein durchschnittlicher Verlust ist. Damit fällt die Kontowährung heraus, und Systeme werden vergleichbar:

Erwartungswert (R) = (Trefferquote × Payoff) − (1 − Trefferquote)

Payoff = Ø Gewinn / Ø Verlust

Ob das Ergebnis etwas aussagt, hängt an zwei Dingen. Erstens müssen die Kosten schon in den Eingangswerten stecken: Spread, Kommission und Swap gehen von jedem Trade ab, jeder Gewinner wird dadurch kleiner, jeder Verlierer größer. Zweitens brauchen die Durchschnitte genug Trades, damit ein einzelner Ausreißer sie nicht bestimmen kann.

Warum das wichtig ist

Der Erwartungswert ist die Brücke zwischen einer Statistik und einem Plan. Der Profitfaktor zeigt dir das Verhältnis von gewonnenem zu verlorenem Geld. Der Erwartungswert zeigt, was ein weiterer Trade wert ist, und genau diese Zahl multiplizierst du mit der Handelsfrequenz, um das erwartete Monatsergebnis zu bekommen.

Er macht auch den Zielkonflikt sichtbar, den eine Trefferquote verdeckt. Die Trefferquote ist nur die eine Hälfte eines Edges, die andere ist das Chance-Risiko-Verhältnis, und im Erwartungswert treffen beide aufeinander. Bewegt sich eine der beiden Größen, bewegt sich das Ergebnis. Bleiben beide gleich, ändert auch die schönste Geschichte nichts daran.

Und er legt die Kostenuntergrenze fest. Erwartet eine Strategie +8 $ pro Trade und kosten Spread und Kommission für Ein- und Ausstieg zusammen 7 $, dann ist das, was übrig bleibt, keine Strategie mehr.

Was die Daten zeigen

Die folgenden Zahlen beschreiben auf ShowMyTrades veröffentlichte Konten, nicht Trader im Allgemeinen. Nimm die Mitte der veröffentlichten Konten mit Trade-Historie (August 2026): eine mediane Trefferquote von 68,8 %, einen medianen Profitfaktor von 1,28 und einen Median von 171 geschlossenen Trades.

Diese Zahlen legen den Erwartungswert dieses Median-Kontos fest. Stellt man die Formel des Profitfaktors um, ist ein durchschnittlicher Gewinner etwa das 0,58-Fache eines durchschnittlichen Verlierers wert, und mit der R-Form wird der Rest zur reinen Rechnung: (0,688 × 0,58) − 0,312 = +0,087R. Neun Hundertstel eines durchschnittlichen Verlust-Trades, pro ausgeführtem Trade. Über 171 Trades ergibt die gesamte Historie damit einen Gewinn von ungefähr fünfzehn durchschnittlichen Verlusten. Deshalb liegt die mediane zeitgewichtete Rendite nur bei +3,2 %, obwohl fast sieben von zehn Trades im Plus schließen.

Bei einem so dünnen Edge sind Kosten kein Rundungsfehler. Die veröffentlichten Konten haben 4.782.670 $ an Kommissionen und 862.547 $ an Swap gezahlt, und 86,3 % der Konten, bei denen überhaupt Swap anfällt, zahlen unterm Strich negativen Swap. Bei einer medianen Haltedauer von 2,4 Stunden überlebt ein Edge von 0,087R nur, wenn die Kosten für Ein- und Ausstieg im Verhältnis zum durchschnittlichen Verlust klein bleiben.

Wo du das auf ShowMyTrades findest

Der Erwartungswert ist eine Zeile im Modul Erweiterte Statistiken auf jeder veröffentlichten Kontoseite, in der Gruppe Performance-Kennzahlen. Er zeigt beide Einheiten in einer Zeile (zuerst Pips, dann Kontowährung). Ein Wert in Pips lässt sich nämlich zwischen Symbolen vergleichen, ein Wert in Währung zwischen Positionsgrößen, und keiner von beiden ist für sich vollständig.

Seine vier Eingangswerte stehen in der Gruppe Trades desselben Moduls: Trefferquote, Ø Gewinn, Ø Verlust und Trades gesamt, daneben die Ø Haltedauer. An ihr liest du ab, ob ein dünner Edge pro Trade in Stunden oder in Wochen verdient wird. Die bereits abgezogenen Kosten erscheinen als Kommissionen gesamt und Gezahlte Swaps gesamt, die Details pro Trade stehen in der Trade-Tabelle unter Gewinn (brutto), Swap und Kommission.

Ob ein Erwartungswert auf einem einzigen Edge beruht oder ein Durchschnitt aus mehreren ist, prüfst du mit der Seitenleiste der Individuellen Analyse: Sie berechnet den ganzen Block für eine gefilterte Teilmenge neu (nach Symbol, Magic Number, Richtung, Zeitraum, Wochentag oder Uhrzeit). Zusätzlich bieten die Erweiterten Statistiken die Ansichten Wochentag, Uhrzeit und Dauer, die dasselbe Ergebnis ganz ohne Filter aufteilen.

Häufige Irrtümer

  • „Ein positiver Erwartungswert heißt, dass ich Geld verdiene.“ Er heißt, dass der durchschnittliche Trade profitabel ist. Mit falschen Positionsgrößen endet auch ein System mit positivem Erwartungswert bei null: Ob ein Konto überlebt, entscheidet die Positionsgrößenbestimmung, nicht der Erwartungswert.
  • „Der Erwartungswert ist einfach mein durchschnittlicher Trade.“ Nur wenn der Durchschnitt netto gebildet wird. Auf Basis des Bruttogewinns ignoriert er Kommission und Swap, und genau dort verschwinden dünne Edges.
  • „Eine hohe Trefferquote bedeutet einen positiven Erwartungswert.“ Für sich allein bedeutet sie gar nichts. Bei einem Payoff von 0,58 ist ein System mit 60 % Trefferquote ein Verlustsystem.
  • „Die Zahl ist stabil.“ Bei ein paar Hundert Trades ist sie das nicht. Ein einziger außergewöhnlich großer Gewinner kann den Erwartungswert einer ganzen Historie anheben. Ihn herauszunehmen ist ein fairer Test.

Welche Kennzahlen sich über die Zeit zu verfolgen lohnen und in welcher Reihenfolge du sie liest, steht im Artikel zum Verfolgen der Trading-Performance.

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